31. Kapitel
Der Tanzclub in der Colins Avenue war rammelvoll mit gebräunten jungen Leibern, die im Takt der Reggae-Musik zuckten. Junge Frauen in Ultraminiröcken, funkelnden Tubetops und Plateauschuhen mit fünfzehn Zentimeter hohen Blockabsätzen tanzten zwischen Burschen in Hemden mit offen stehenden Krägen und hautengen Hosen.
Messages liefen über ein elektronisches Anzeigenbord an der Decke. Lea strich sich den Pony aus den Augen, wobei die riesigen Creolen an ihren Ohrläppchen wippten, und las die neueste Botschaft: Put your hands up for DJ Rai Ra? Wie der ägyptische Sonnengott Ra? Lea schüttelte den Kopf, doch dann gab sie sich einen Ruck und konzentrierte sich wieder auf ihre Aufgabe.
»Siehst du ihn irgendwo?«, flüsterte sie durch den linken Mundwinkel.
»Nö«, antwortete Carlos. »Ich schwebe mal nach oben und schaue mich in den oberen Räumen um, si?«
»Carlos! Warte!«
Aber er war schon weg. Gott, sie hasste es, wenn sie so einfach verschwanden. Und was sollte sie jetzt tun? Sie wusste ja nicht mal, wie der Kerl aussah, den sie suchten, also konnte sie nicht viel tun.
Sie schlenderte zu der langen Bar zu ihrer Linken, geflissentlich jeden Augenkontakt mit der Gruppe Männer vermeidend, die lässig an der Bar lümmelten. Miami war in der Tat die Stadt von Sex, Drugs und Latin Music, fand Lea. Allein auf dem kurzen Weg von ihrem Hotel hierher war sie von jedem Mann, der ihr begegnete, angemacht worden, vom Portier bis zum Taxifahrer. Die Leute hier waren eindeutig weniger zurückhaltend als die Schotten.
Musste am Klima liegen und an der spärlichen Bekleidung der Damen.
»Was darf ich dir bringen?« Der Barmann hatte sich über den Tresen gebeugt und musste ihr die Frage ins Ohr brüllen. Ob dieser Club wohl eine Blutausschanklizenz besaß?
Sie musterte die Kleidung des Barmanns, konnte aber keinen der versteckten Hinweise finden. Nein, wohl nicht.
Zu schade, sie hätte jetzt ein Glas Blut vertragen können.
»Einen Mojito, bitte.«
Er hielt den Daumen hoch, um ihr zu signalisieren, dass er verstanden hatte. Da Alkohol keine Wirkung mehr auf sie hatte, konnte er ihr natürlich auch nicht helfen, ihre Nervosität zu überwinden, aber es half, hier nicht aufzufallen. Eine junge Frau tauchte neben ihr an der Bar auf, und Leas Nase zuckte. Die Kleine trug eine weiße Shorts, die aussah wie auf die Pobacken aufgemalt, dazu ein goldenes Bikini-Top und gelben Lidschatten, der zu ihrer kurzen, blond gefärbten Igelfrisur passte. Sie war, trotz der billigen Aufmachung, ein sehr hübsches Mädchen. Leas Blick blieb wie von selbst an der Halsschlagader haften, die unter der karamellbraunen Haut der Kleinen verführerisch pochte.
Lea blinzelte. Sie durfte nicht riskieren, dass ihre Augen plötzlich schwarz wurden! Obwohl es ihr mittlerweile leichter fiel, ihre Blutlust unter Kontrolle zu halten, gab es Momente, in denen es schwerer war als in anderen. So wie jetzt zum Beispiel, auf einer Mission, wenn all ihre Sinne hellwach sein mussten. Der Duft des Mädchens drang in ihre Nase. Lea fuhr mit der Zunge über ihre Schneidezähne. Sie juckten.
»Wie kommt's, dass eine so heiße Braut wie du ganz allein ist?«, fragte das Mädchen keck.
Lea zog die Augenbrauen hoch. Wenn man hier nicht von Männern angebaggert wurde, dann von den Frauen.
»Ich bin gern allein«, antwortete Lea mit einem zurückhaltenden Lächeln. Sie wollte nicht unhöflich sein, die andere aber nicht auch noch ermuntern. Sie war mittlerweile ganz gut im Treffen dieser Zwischentöne. Sie tat es nicht gerne, da sie sich nicht gern verstellte, aber ihre neue Tätigkeit verlangte es nun mal.
»Niemand ist gern allein«, sagte das Mädchen vollkommen sachlich. Lea konnte nicht umhin, ihr zuzustimmen.
Niemand war gern allein. Aber sie war ja nicht allein. Sie hatte gute Freunde: Liam, Victoria, Helena, Cem, Marco, die Geister von Edinburgh.
Trotzdem fühlte sie sich manchmal einsam.
Aber nicht oft. Sie hatte einfach keine Zeit, einsam zu sein. Mit ihrer Arbeit als Fotografin, den Geistern von Edinburgh, die immer noch eine Menge Zeit und Pflege beanspruchten, dann ihrem neuen Job als Friedenshüterin, da blieb keine Zeit, sich einsam zu fühlen. Aber es gab Momente, wie diesen hier, da spürte sie das Loch, das Adam gerissen hatte.
Rotes und grünes Strobo-Licht flackerte über die Gesichter der Clubbesucher.
»Hast wohl schlechte Erfahrungen gemacht, was?«, fragte die zierliche Blondine kaugummikauend. Der bestellte Mojito tauchte vor Leas Nase auf, und sie reichte dem Barmann einen Zwanziger. Lea nahm einen Schluck und zuckte die Achseln.
»Nein, ich kann wirklich nicht behaupten, dass ich mit den Männern Glück gehabt hätte«, antwortete sie, ihre sexuellen Präferenzen von vornherein klar stellend.
Das Mädchen grinste, wollte aber trotzdem wissen: »Was ist passiert?«
Ja, was war passiert? Gute Frage. Lea tat ihr Wechselgeld in ihre silberne Clutch und ließ den Blick prüfend durch den Saal schweifen. Aus den Lautsprechern dröhnte Kayne West, und eine Schar Mädchen, das Haar mit Clips hochgesteckt, die Fingernägel in Acrylfarben lackiert, sprang begeistert auf die Tanzfläche.
»Was passiert ist? Die Freundin meines Ex-Verlobten hat versucht mich umbringen zu lassen, sieben Jahre später verliebe ich mich wieder, der Typ stellt meine Welt auf den Kopf, und dann lässt er mich ohne ein Wort sitzen.«
Ja, das war wohl die ganz grobe Zusammenfassung. Davids psychopathische Frau war jetzt tot. David war, soweit sie gehört hatte, mit seinem Sohn nach Boston zurückgegangen. Und Adam hatte sie seit der Nacht in den unterirdischen Gewölben nicht wiedergesehen.
Zuerst hatte sie alle möglichen Gründe gesucht, um sein plötzliches Verschwinden zu erklären: Er war auf einer Mission und durfte sie nicht anrufen. Er war auf einer Mission in der Arktis und konnte sie nicht anrufen, weil dort sein Handy nicht funktionierte. Sogar einen plötzlichen Gedächtnisverlust hatte sie nicht ausgeschlossen. Eine Entschuldigung verrückter als die andere. Und wenn sie Cem oder Helena nach ihm fragte, erfuhr sie auch nichts.
Die beiden brummten nur und wechselten das Thema.
Irgendwann hatte sie dann aufgehört, nach Adam zu fragen. Und nach Saras und Marys Beerdigung hatte sie auch aufgehört, Entschuldigungen für ihn zu finden. Sie wusste, dass er ebenfalls anwesend gewesen sein musste, das war schließlich Pflicht. Aber er war nicht zu ihr gekommen, hatte sich nicht blicken lassen.
Da war ihr klar geworden, dass sie 'Adam nur deshalb nicht sah, weil Adam sie nicht sehen wollte. Und nicht, weil er unter galoppierendem Gedächtnisschwund litt.
»He, das ist echt hart«, sagte das Mädchen mitfühlend.
Sie nahm einen Schluck aus ihrer Flasche Corona-Bier.
»So ist das Leben.« Lea zuckte mit den Achseln.
»Lea, ich hab ihn!«, brüllte Carlos ihr aufgeregt ins Ohr.
Lea schenkte dem Mädchen ein letztes Lächeln und wandte sich von der Bar ab.
»Wo ist er?«
»Da drüben, an den VIP-Tischen. Siehst du die Kleine in dem Kimono-Verschnitt?«
Die bezeichneten Tische befanden sich auf einer erhöhten Plattform auf der anderen Seite der Tanzfläche. Jeder Tisch war in eine halbkreisförmige Sitznische eingepasst, und auf jedem stand ein Eimer mit Eiswürfeln, in dem Wodkaflaschen steckten.
Da war das Mädchen, das Carlos, das Gespenst, gemeint hatte. Kimono- Verschnitt, ja das passte, denn das Kleidchen reichte der Kleinen kaum über den Po. Eher ein Wickel T-Shirt, überlegte Lea.
»Ah ja, ich sehe sie.«
»Der Mann, der ihr gegenübersitzt, in dem schwarzen Seidenhemd mit dem offenen Kragen und dem Goldkettchen, das ist er!«
Lea holte ihren Blackberry hervor, betätigte den Kameramodus und drückte auf zoomen. Sie zögerte kurz, dann zwängte sie sich durch die Tanzenden, um noch ein wenig näher an die Tische heranzukommen.
»Du bist absolut sicher, dass das der Mann aus den Flamingo Residences ist, der die kleine Asiatin erschossen hat?«
»He, ich geistere da schon seit zehn Jahren rum, ich kenne dort jeden Stein! Und das ist der erste Mord, bei dem ich Zeuge war - außer meinem eigenen, natürlich. Ne, das Gesicht von dem Kerl vergesse ich nicht so schnell! Ich sage dir, das ist er! Ich hab gehört, wie er mit seinen Amigos telefoniert und sich hier mit ihnen verabredet hat. Und da ist er!« Carlos klang ehrlich empört, und Lea glaubte ihm.
Gut. Dann musste sie jetzt nur noch ein Foto machen und es an ihren Boss schicken. William hatte einen anderen Agenten bereitstehen, der den Fall von da übernehmen würde. »Unser Medium«, so wurde sie von Sybil genannt, und das stimmte ja auch. Lea hatte sechs Monate Training hinter sich; das hier war schon ihr dritter Auftrag.
Sie war sozusagen Kundschafter der Truppe. Sie reiste an, suchte geisterhafte Zeugen für das jeweilige Verbrechen und leitete die Informationen dann an die Friedenshüter-Kollegen weiter.
Dies war der erste Auftrag, bei dem der Geist tatsächlich Zeuge des Mordes geworden war. Wenn er recht hatte, dann war die Lösung dieses Falls ein Kinderspiel.
Lea tanzte zur Mitte der Tanzfläche, hob das Handy ans Auge, nahm das Gesicht des Mörders ins Zielkreuz und drückte ab.
Klick.
Sekunden später hatte sie das Foto bereits mit einer kurzen Bemerkung an William verschickt: Das ist er.
Nur ein paar weitere Sekunden später vibrierte ihr Blackberry: Unser Agent ist dran, geh zurück in dein Hotel.
Sybil ruft dich an.
Lea verstaute ihr Handy in ihrer Clutch und eilte zum Ausgang. Die feuchtschwüle Nachtluft von Florida legte sich wie eine samtige Decke auf ihre Haut. Vor dem Club hatte sich eine lange Schlange gebildet; man wartete geduldig auf Einlass. Ein Taxi war nirgends zu kriegen, aber das machte Lea nichts aus. Sie war viel zu aufgeregt und daher ganz froh darüber, zu Fuß zurück in ihr Hotel gehen zu können. Sie würde sich erst dann richtig beruhigen können, wenn Sybil angerufen und ihr gesagt hatte, dass alles vorbei war. Tief in Gedanken versunken ging sie an den niedrigen, bunten Häusern im typischen Art-Deco-Stil, der in dieser Gegend verbreitet war, vorbei. Dann bog sie kurz entschlossen in eine schmale Gasse ein und ging, angelockt vom Rauschen der Wellen, hinunter zum Strand.
Es war ein weiter, breiter Strand, und er lag vollkommen verlassen im Mondschein. Lea streifte ihre schwarzen Heels ab und grub lächelnd die Zehen in den Sand.
Ihr Hotel lag sowieso am Strand, sie konnte also auch auf diesem viel ruhigeren Weg dorthin zurückgehen.
Sie hatte kaum ein paar Schritte getan, als jemand ihren Namen rief.
»Lea!«
Carlos! Den hatte sie ja ganz vergessen.
»Carlos, entschuldige! Ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt.«
»Lea, er ist hinter dir!«
Lea fuhr herum und sah einen Mann aus einer Gasse auf den Strand treten. Ihre Nasenflügel bebten, ihre Augen wurden schmal. Aufmerksam wartete sie ab. Zwei Dinge wurden rasch klar: Es war der Mann, den sie fotografiert hatte.
Und er wollte sie töten.
Immer dasselbe.
»Diesmal ohne Pistole?«, fragte sie, während sie überlegte, welche Möglichkeiten ihr blieben: Entweder sie lief davon und überließ den Rest dem anderen Agenten. Oder sie stellte sich dem Mann. Angreifen durfte sie natürlich nicht, das war ihr als Vampir verboten. Sie musste warten, bis er den ersten Schritt tat. Oder sie konnte versuchen, ihn irgendwie kampflos zu überwältigen, William anrufen und ... Ja, wo blieb eigentlich der andere Agent?
»Überrascht mich doch, dass sie mir einen Novizen geschickt haben«, bemerkte der Mann mit einem selbstgefälligen Grinsen. Lea konnte jetzt sein Aftershave riechen.
Aber da war noch etwas ... den Geruch kannte sie. Der Mann hatte Menschenblut getrunken!
Menschenblut? Ach du liebe Scheiße.
»Du bist eine Friedenshüterin, stimmt's? Oder findest du mich so attraktiv, dass du einfach ein Foto von mir machen musstest?«
Der Killer war ein Vampir, wurde ihr auf einmal klar. Lea ließ sich ihre plötzliche Angst nicht anmerken. Nach sechs Monaten Training konnte sie es zwar mit einem Menschen aufnehmen, aber nicht mit einem Vampir. Ganz besonders nicht mit einem, der trunken von Menschenblut war!
»Kann ich nicht behaupten. Ich mache nur gern Fotos von Arschlöchern, die junge Mädchen umbringen.«
Er lachte, ein hässliches Lachen. »Und die Opfer? Fotografierst du die auch? Wenn ja, dann solltest du jetzt schleunigst ein Foto von dir selbst machen, denn jetzt bist du dran.«
Shit.
Ende - Unsterblich wie der Morgen - Band 04